Das „Unwort des Jahres 2016“ ist… „postfaktisch“

Alle Jahre wieder wird ein Wort zum „Unwort des Jahres“ gekürt. Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) möchte damit vorgeblich „die Sensibilität für Sprache fördern“. Zum „Unwort des Jahres 2016“ wurde der Begriff „Volksverräter“ gewählt.

Die Begründung für die Auswahl dieses Begriffes wurde in der WeLT mit folgenden Worten wiedergegeben:

Das Schlagwort werde «antidemokratisch und diffamierend verwendet», begründete die Sprecherin der «Unwort»-Jury, die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich, in Darmstadt die Entscheidung.

Verwendet werde das Wort in sozialen Netzwerken und auch «massiv bei Demonstrationen» von Anhängern des 2014 entstandenen islam- und fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses oder der AfD.Das Wort sei ein «Erbe von Diktaturen», unter anderem der Nationalsozialisten, sagte Janich. «Ein solcher Sprachgebrauch würgt das ernsthafte Gespräch und damit die für Demokratie notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft ab.»

und

Wissenschaftlerin Janich betonte: «Sprache sagt viel über Werthaltungen in einer Gesellschaft aus.» Der Jury zufolge steht der Wortbestandteil «Volk» – ebenso wie die in der Flüchtlingsdebatte genannten Begriffe «völkisch» oder «Umvolkung» – «dabei ähnlich wie im Nationalsozialismus nicht für das Staatsvolk als Ganzes, sondern für eine ethnische Kategorie, die Teile der Bevölkerung ausschließt».

«Volksverräter» sei ein Begriff «mit faschistischem und fremdenfeindlichem Hintergrund». Bei der «Unwort»-Wahl gehe «es nicht um einen Versuch der Zensur oder Sprachlenkung, sondern darum, für mehr Achtsamkeit im öffentlichen Umgang miteinander zu plädieren», hieß es in der Begründung. Wegen der besonderen Bedeutung von «Volksverräter» seien dieses Mal keine weiteren Begriffe gerügt worden.

Ob Nina Janich, die in der WeLT als Sprachwissenschaftlerin bezeichnet wird, mit dieser Begründung ihrem akademischen Titel gerecht werden kann, soll die Fragestellung dieses Artikels der Kehrseite sein.

Zunächst einmal sei erwähnt, dass die GfdS nicht unabhängig fungiert. Ein Blick auf ihre Website genügt, um die wechselseitigen Beziehungen zwischen der Gesellschaft und der Bundesregierung festzustellen. Einerseits bezieht die Gesellschaft Fördermittel vom Bund, auf der anderen Seite ist sie aber auch in beratender Funktion im Deutschen Bundestag tätig. In diesem Zusammenhang Objektivität bei der jährlichen Wahl des deutschen „Unwortes“ zu erwarten, wäre naiv. Zu klar liegt hier das Interesse an der Diskreditierung bestimmter politischer Akteure auf der Hand.

Doch auch bei deutlich erkennbarer Regierungsnähe sollte die Wahl eines bestimmten Begriffes zum „Unwort“ logisch und nachvollziehbar sein. Zumindest sollte man davon ausgehen können, dass eine Gesellschaft für deutsche Sprache in der Lage ist die Intention der Nutzer eines Begriffes zu erfassen. Das ist insofern wichtig, da die Wahl des „Unwortes“ in etwa einem Urteil gleichkommt, mit der Absicht a) einen Begriff aus dem Sprachschatz zu verbannen und b) die Nutzer dieses „Unwortes“ davon zu überzeugen, dass dieser Begriff schlecht gewählt ist und vor allem falsch zur Anwendung gebracht wurde.

Das Wort „Volksverräter“ setzt sich aus zwei Wortteilen zusammen. In der von Frau Janich gelieferten Begründung aber wird lediglich der erste Teil dieses Begriffes in einigen möglichen Facetten ausgebreitet und den Nutzern eine Intention unterstellt, die sie in der Nutzung dieses Begriffes gar nicht unbedingt haben. Der zweite Teil dieses Wortes kommt seltsamerweise in der Begründung überhaupt nicht vor, obwohl es zahlreiche Hinweise darauf gibt, dass genau auf diesem Teil das Hauptaugenmerk liegen sollte. Auch die oben genannte nähere Erklärung der mit der Wahl eines bestimmten Begriffes zum „Unwort“ verfolgten Absicht müsste eher eine erhöhte Aufmerksamkeit auf den zweiten Teil dieses Wortes lenken, wenn die Absicht wirklich darin bestehen sollte „für mehr Achtsamkeit im öffentlichen Umgang miteinander zu plädieren“. Die einseitige und abschätzige Betrachtung des Wortteiles „Volk“ lässt jedoch sehr tief in die ideologischen Intentionen der Gesellschaft für deutsche Sprache blicken. Der Umstand, dass Teile der Bevölkerung die Bundesregierung des Verrats bezichtigen, hatte, jedenfalls laut der Begründung der GfdS, keinen Einfluss auf die Auswahl des „Unwortes 2016“.

Ein anderer, nicht unwesentlicher, Aspekt im Zusammenhang mit dem Begriff „Volksverräter“ ist der GdfS ebenfalls komplett entgangen. In ihrem Eifer, diesem Begriff einen „faschistischen Hintergrund“ anzudichten, haben sie offensichtlich übersehen, dass zur Zeit des Nazi-Regimes der Begriff von den Machthabern missbraucht wurde, um „staatsfeindliche Elemente“ in der Bevölkerung zu diskreditieren. Menschen aus dem Volk also, die ihr Leben im Widerstand gegen die Machthaber riskiert hatten. Allein diese Ausrichtung (Regierung – Volk)  nimmt diesem Begriff schon seine wahre Bedeutung und verkehrt ihn in sein Gegenteil. Somit hat nicht der Begriff selbst, sondern höchstens seine dialektische Verwendung durch die Nazis einen Hintergrund, der ihn nur in diesem Zusammenhang zu einem wirklichen „Unwort“macht.

In der aktuellen politischen Situation wird dieser Begriff schon allein durch die Richtung, in die er wirkt (Volk – Regierung) vom Kopf auf die Füße gestellt. Dadurch wird diesem Begriff seine wörtliche Bedeutung zurückgegeben und die Umkehr seiner Bedeutung durch die Nazis aufgehoben. Um diesen Begriff dennoch zu einem „Unwort“ zu erklären, wäre es Aufgabe der GfdS gewesen besonders den Wortteil „-verräter“ zu untersuchen und zu klären, inwieweit dieser Vorwurf zu falsifizieren und damit auszuschließen wäre. Das jedoch hat die GfdS vollständig unterlassen.

Durch diese Unterlassung ist der Vorwurf bedeutungslos und gibt den damit gescholtenen lediglich eine Bestätigung, dass ihr Protest angekommen ist und gesessen hat. Wenn die Regierung über den Umweg der GfdS nicht in der Lage ist die Anschuldigung zu entkräften und darauf zurückgreifen muss die ihnen gegenüberstehenden „staatsfeindlichen Elemente“ auf die gleiche Art zu diskreditieren, wie es die Nazis mit der missbräuchlichen Verwendung des Begriffes „Volksverräter“ getan haben, stellt sie mit einer solchen lediglich ideologischen Attacke ihre methodische Nähe zu ebendiesem Nazi-Regime zur Schau und sonst eigentlich gar nichts.

Um diesem sogenannten „Unwort“ gerecht zu werden, betrachte ich es als angebracht die ideologische Fehlleistung der GfdS zu korrigieren, die Wahl von „Wort“ und „Unwort“ vom Kopf auf die Füße zu stellen und dem Begriff „Volksverräter“ den Titel zukommen zu lassen, der fälschlicherweise an das Wort „postfaktisch“ vergeben wurde. Im Übrigen hat Hadmut Danisch auf seinem Blog sehr detailreich und überaus gut begründet dargelegt, warum das Kunstwort „postfaktisch“ den Titel „Unwort des Jahres 2016“ mehr als verdient hätte, schon allein dadurch, dass dieser Retortenbegriff von den meisten seiner Nutzer gebraucht wird, ohne sich über den Unsinn dieser Wortkreation überhaupt bewusst zu sein.

Zur wissenschaftlichen Lauterkeit von Frau Janich ist unter diesen Umständen eigentlich alles gesagt. Da sie keine empirischen Erkenntnisse zu liefern im Stande war, um zu begründen warum das Unwort des Jahres 2016 diesen Titel verdient hat und sich ihre Pseudo-Begründung lediglich aus haltloser, ideologischer Diffamierung politischer Gegenspieler zusammensetzt, muss konstatiert werden, dass Frau Janich keine Wissenschaftlerin, sondern eine Ideologin ist. Die Tatsache, dass die GfdS auch in die Machenschaften Gender-Ideologie verstrickt ist, gibt diesem Sachverhalt eine zusätzliche Bestätigung.

Karsten Mende

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Ein Kommentar zu „Das „Unwort des Jahres 2016“ ist… „postfaktisch“

  1. Tja, dazu gibt es einen, durchaus bissigen Kommentar in der gleichnamigen „Welt“:

    „Der Nachfolger von „Gutmensch“ ist gefunden! Allerdings hat die Darmstädter Jury bei der Suche nach ihm und beim Zielen auf das „Unwort des Jahres“ wieder einmal ein Eigentor fabriziert.

    [..] Die selbsternannte Sprachpolizei – lauter Gutmenschen

    Was für eine Coup! Aus 1064 Einsendungen und 594 Vorschlägen aus der „deutschen Bevölkerung“ haben die sechs selbsternannten deutschen Sprachpolizisten den „Volksverräter“ herausgesiebt und augenblicklich dingfest gemacht. „Bevölkerungsverräter“ hätte man in diesem Fall nicht sagen können, denn wer das sagt, müsste ja schon halb und halb wieder unter die Gutmenschen gezählt werden.

    Kurz, die Katze hätte sich beinahe in den Schwanz gebissen, aber nein, es ist gelungen, ihr unter Einsatz betäubender Moralinsäure die Schelle umzuhängen. Die sprachliche „correctness“ soll leben!

    Quelle: https://www.welt.de/kultur/article161038619/Der-erste-Volksverraeter-war-ein-Oesterreicher.html

    Dieser Artikel oben trifft es wesentlich besser, als der aktuelle von dieser Nina Irgendwas mit PC.

    Ich habe mir mittlerweile angewöhnt, jedes Unwort oder PC-konform zurechtgebogene konsequent anzuwenden. Soweit kommt es noch, dass selbst ein „Negerkönig“ aus einem Kinderbuch nun umgeschrieben wird.

    Kleine Liste: Zigeuner, Opferabo (aufgrund einer Nominierung), Neger, etc.pp.

    Sollen die weiter ihren #Aufkreisch fabrizieren, ich muss da nicht mitgehen.

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